Straight from (the green) hell: Was ist ein virtuelles (Nachrichten-)Studio?

Seit dem 17. Juli 2009 kommen die Nachrichtensendungen des ZDFs aus der „grünen Hölle“, einem virtuellen Nachrichtenstudio. „RTL Aktuell“ folgte am 11. September 2010. Die Technik, die in einem virtuellen Studio eingesetzt wird, ist eine Weiterentwicklung des Green-Screen-Verfahrens.

Das Green-Screen-VerfahrenBei dem Green-Screen-Verfahren wird (zum Beispiel) der/die Nachrichtensprecher/-in vor einer gleichmäßig grünen Fläche aufgenommen, die dann als unsichtbarer Bildbereich definiert wird. Dieser Prozess des Freistellens wird als Keying bezeichnet, da die Schlüsselfarbe, das Grün, entfernt wird. Nun kann ein neuer Hintergrund, etwa eine Karte, Bilder, Überschriften oder Filmausschnitte, mit dem Vordergrund kombiniert werden. Dieser Vorgang wird Stanzen genannt.

Warum grün, nicht blau?Obwohl sich auch die Farbe Blau als Schlüsselfarbe eignet, wird beim Fernsehen mittlerweile fast ausschließlich die Green-Screen-Methode verwendet. Ein Grund dafür ist der Einsatz von digitalen Kameras und das digitale Echtzeit-Stanzen. Da sich ein Pixel bei modernen, digitalen Kameras aus einem blauen, einem roten und zwei grünen Bildpunkten zusammensetzt (siehe oben), eignet sich die Farbe Grün besser, da doppelt so viel Farbinformation vorhanden ist als bei der Farbe Blau. Das heißt, diese Kameras können mehr Details auf dem grünen Bildkanal aufnehmen, dadurch ist es leichter, diese Farbe zu entfernen. Des Weiteren schluckt Grün weniger Licht, es entsteht ein heller, leuchtender Farbeindruck, der sich leichter von anderen Farben unterscheiden lässt.

Anwendung in den Nachrichten© ZDF/renate schaefer

Bereits in den 70er Jahren wurde das Verfahren in den deutschen Fernsehnachrichten eingeführt. Zuerst ab 1973 in der »Tagesschau«, dann 1978 auch in den »heute«-Nachrichten des ZDF.

»Alle heute–Sendungen bekamen nun auch ein neues Erscheinungsbild und innerhalb der 19-Uhr-Hauptausgabe wurde zum ersten Mal ein Satelliten–Farbbild vom Meteosat, zu der aktuellen Wettersituation über Mitteleuropa gezeigt. Beide Formate präsentierten sich von nun an in einem hellblauen Hintergrund. Die rotbraune Backsteinwand hatte ausgedient und wurde durch eine Projektionswand ersetzt. Zum ersten Mal wurde das damals neuartige Blue-Box–Verfahren eingesetzt. Hier wurden Grafiken, Bilder und Überschriften auf eine Fläche direkt hinter dem Studioredakteur bzw. Nachrichtensprecher projiziert. Auf dieser Fläche trat auch erstmals das typische „Nachrichtenfenster“ mit abgerundeten Ecken in Erscheinung, das über 17 Jahre das Aussehen der heute–Nachrichten prägen sollte.« (heute [Fernsehsendung] – Wikipedia)

Diese Veränderung der Präsentation der Nachrichten und der Nutzung des Nachrichtenstudios wurde in den darauf folgenden Jahren kontinuierlich vorangetrieben. Mehr und mehr gab es andere, größere Projektionsflächen in den Studios, die vor allem den Einsatz von bewegten Grafiken einfacher machten und somit auch öfter eingesetzt werden konnten, um komplizierte Sachverhalte darstellen zu können.

Die virtuelle Studio-Technik

Auch bei einem virtuellen Studio werden reale Aufnahmen mit vom Computer erzeugten Grafiken über das Stanzverfahren zusammengefügt. Allerdings werden diese Grafiken nicht nur auf einen Hintergrund projiziert, sondern eine real gefilmte Szene wird mit einer virtuellen, computergenerierten kombiniert. Hierbei werden die reale und die virtuelle Kamera verknüpft. Das heißt, in der virtuellen Szene werden die Bewegungen der realen Kamera simuliert. Die virtuelle Kamera führt in der virtuellen Szene die gleichen Bewegungen, Zooms, Schwenks, Fahrten und so weiter aus, die die reale Kamera im Fernsehstudio durchführt. Hierzu müssen beide Kameras auf bestimmte Punkte synchronisiert werden. Die Positionsinformationen der realen Kamera werden an einen Computer weitergegeben, der diese mit der virtuellen Kamera abgleicht. Dieses Vorgehen nennt man Tracking.

Vorteile gegenüber der Green-Screen-TechnikWährend bei der herkömmlichen Green-Screen-Technik Bewegungen, vor allem Schwenks der Kamera, ohne ungewollte perspektivische Verschiebungen nicht möglich sind, kann im virtuellen Studio eine dreidimensionale Umgebung mit der realen Studioszene verschmelzen.

Diese Studiotechnik bietet verschiedene Möglichkeiten. Ein Hauptgrund für den Einsatz von virtuellen Studios ist sicherlich eine Kosten– und Zeitersparnis, denn das Zusammenwachsen der Welten geschieht in Echtzeit, eine nachträgliche Bearbeitung ist nicht nötig. In einem virtuellen Studio können mehrere Formate aufgezeichnet werden ohne komplizierte Kulissen, Auf– und Rückbauten. Hierdurch wird diese Technik besonders interessant für Live-Fernsehsendungen, wie zum Beispiel Nachrichten. Durch die Echtzeitfähigkeit kann auf aktuelle Situationen, zum Beispiel in einem „Breaking News“-Fall, schnell reagiert werden, des Weiteren erlaubt die Virtualität neue gestalterische, didaktische und dramaturgische Möglichkeiten zur Darstellung von komplexen Inhalten, etwa unsere Erklärräume.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
Erklärräume (ZDF)

Konzept, Screenshots; 2010 - jetzt Erklärräume werden beim ZDF Sendeelemente genannt, in denen der Moderator, mit Hilfe von grafischen Elementen,...

Schließen